‘Rage, Rebellion, New Power’ by Slavoj Žižek

Aufzeichnung vom 27.10.2016 in der Humboldt-Universität.

Das Verhältnis von Wut, Rebellion und neuer Macht bildet eine Art dialektische Triade des revolutionären Prozesses. Am Anfang stehen die mehr oder weniger chaotischen Ausbrüche von Wut, die Unzufriedenheit der Menschen, die sie mehr oder weniger gewaltsam demonstrieren, unorganisiert allerdings und ohne ein klares Ziel. Organisiert sich dieses Wutpotential so entsteht daraus, mit einem Minimum an Organisation, ein mehr oder weniger bewusstes Feindbild und eine Vorstellung davon, was sich zu ändern hätte.

Wenn am Ende die Rebellion erfolgreich war, so sind die neuen Machthaber mit der gewaltigen Aufgabe kon-frontiert, die neue Gesellschaft zu organisieren – man denke an die Anekdote, die vom Gedankenaustausch zwischen Lenin und Trotzki am Vorabend der Oktoberrevolution erzählt wird. Lenin sagt: »Was passiert mit uns, wenn wir scheitern?« Darauf Trotzki: »Und was passiert mit uns, wenn wir erfolgreich sind?«

Das Problem ist, dass wir die Triade von Wut, Rebellion und neuer Macht kaum jemals in die Ordnung eines logisch-schlüssigen Voranschreitens bringen können. Die chaotische Wut breitet sich beliebig und diffus aus oder sie schlägt um in den Populismus der Rechten; die erfolgreiche Rebellion verliert an Kraft und verliert sich in mancherlei Kompromissen. Wenn dies so ist, so müssen wir feststellen, dass die Wut nicht nur am Anfang, sondern auch am Ende so manchen emanzipatorischen Projekts steht, das am Ende scheitert.

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